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Herzogsägmühle
Von-Kahl-Straße 4
86971 Peiting
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Wenn ich Sie frage: „Wollen Sie sich ehrenamtlich engagieren?“, könnte es sein, dass Sie die Nase rümpfen und mich ansehen, als hätte ich Sie gefragt, ob Sie mir für teures Geld einen Schwarz-Weiß-Fernseher mit 3 Programmschaltern ohne Fernbedienung abkaufen wollen. Danach befragt, ob Sie gerne mit Ehrenamtlichen zusammenarbeiten wollen, würden Sie mich vielleicht sofort konfrontieren mit der glucken-mutti-haften Frau Soundso, mit der Sie dereinst zusammenarbeiteten, die keinem Rat zugänglich war und den zu betreuenden Menschen mehr fesselte als zur Selbstständigkeit begleitete, und wie lange Sie doch gehofft hatten, dass sie doch endlich altersbedingt (oder warum auch immer) aufhören möge.
Wie verwunderlich ist es aber dann, wie viele Menschen im Elternbeirat, im Sportverein oder bei einer Beach Party in der Gemeinde unentgeltlich tätig sind. Das scheint mir dasselbe Phänomen zu sein wie mit der größten deutschen Tagesszeitung – keiner liest doch dieses „Schundblättchen“, wer kauft denn dann eigentlich die täglich erscheinenden mehrmillionenfachen Ausgaben?
Da klingt es doch viel schöner, vom „Freiwilligen“ oder „Volunteer“ zu sprechen, von „Eventbeteiligung“ oder „Erfahrungen-Sammeln“, vom „Praktikum“ oder der Möglichkeit, „sein Wissen auch an andere weitergeben zu können.“ Das Ehrenamt war nie „out“, wenn es auch andere Namen bekam und sich Motivationen verändert haben vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, deren Rahmenbedingungen sich in den letzten Jahrzehnten an vieler Stelle völlig gewandelt haben.
Denn eigentlich ist die Studentin, die begleitend zu ihrer Diplomarbeit in einer Wohngruppe unentgeltlich mitarbeitet, natürlich auch eine Ehrenamtliche. Ja, und die Vermieterin einer Mitarbeitenden, die regelmäßig bei Festen tatkräftig und freundlich hilft, Kaffee auszuschenken, natürlich auch. Und der ehemalige Prokurist, der den Auszubildenden Nachhilfe gibt über deutsche Rechtschreibung und richtiges Bewerben natürlich auch. Und der ehemalige Bankdirektor, der der Schuldenberatungsstelle zur Seite steht, selbstverständlich ebenfalls. Und der Pfarrer in Rente, der seit Jahrzehnten eine fröhlich-besinnliche Weihnachtsfeier gestaltet ebenfalls. Und die Altenpflegerin, die arbeitslos ist, und die zumindest unentgeltlich zeigen kann, was sie „drauf“ hat, natürlich auch. Hatte ich schon die vielen Leute erwähnt, durch die die „Schongauer Tafel“ überhaupt möglich wurde? Oder die zahlreichen Schülerinnen und Schüler für die Mittagsspeisung an einer Schule? Oder den Vater einer Mitarbeitenden, der eine Freizeitmaßnahme mitbegleitet? Und dann ist ja da auch noch die rührige Hausfrau, die mit großer Zuverlässigkeit Plakate aufhängt. Und der ehemalige i+s-Mitarbeitende in Rente, der als der beste „Unkrautzupfer“ jeden Garten zur Blüte erwachsen lässt. Und die Erzieherin in Elternzeit, die mit liebevoller Geduld Hausaufgabenbetreuung übernimmt und so das gute Gefühl hat, beruflich ein bisschen „am Ball“ zu bleiben…
Herzogsägmühle hat es sich seit 2007 besonders auf die Fahne geschrieben, die Zusammenarbeit haupt- und ehrenamtlich tätiger Mitarbeitenden mehr in den Blickwinkel, zunächst durch „Erfassung“, wer wo eigentlich mit welcher Tätigkeit zu Gange ist - nicht nur, um kleine Dankesbezeugungen wie beispielsweise einen „Neujahrsempfang“ auszurichten, sondern auch um Wege zu gehen, mit- und aneinander wachsen zu können, z. B. in gemeinsamen Seminaren. Ehrenamtlichenarbeit ist aus meiner Sicht „handverlesene Personalarbeit“: Passende Einsatzmöglichkeiten in der Verbindung mit Eignungen und Interessenlagen zu erkennen und gut zusammenzubringen. „Gut“ ist die Möglichkeit und die Zusammenarbeit dann, wenn die Einsatzmöglichkeit inhaltlich, zeitlich und räumlich zusammentrifft mit den Fähigkeiten und der Motivation des (potentiell) ehrenamtlich tätigen Menschen.
Es geht langfristig darum, die richtigen Menschen am richtigen „Einsatzort“ zu haben, um ein soziales Gefüge wie Herzogsägmühle dies ist, noch bunter, noch hilfreicher, noch lebendiger zu gestalten – für die Menschen, die uns anvertraut sind genauso wie die, deren „tägliches Arbeitsbrot“ es ist, und ebenso für die, die sich als Teil dieses Gefüges verstehen wollen und ihren Beitrag zu leisten wollen, dass Nächstenliebe und Verantwortung für den anderen Menschen nicht nur ein leeres Wort bleibt. Nicht die Anzahl der Ehrenamtlichen erfüllt das Miteinander mit Leben, sondern die Qualität des Miteinanders.
Gabriele Graff