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Herzogsägmühle
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Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Herzogsägmühlerinnen und Herzogsägmühler!
Ich bin Motorradfahrer. Wenn man den Motorradführerschein erwirbt, lernt man auch, sich vorab mögliche Gefahrensituationen in der Theorie vorzustellen, damit man in der Praxis nicht beim tatsächlichen Eintritt der Gefahr panisch reagiert und deswegen die negativen Folgen dieser Gefahr verschlimmert. Oft kommt es zum Beispiel durch „Schreckbremsungen“ zu Stürzen, die man hätte vermeiden können, wenn man das eigene Hirn und das eigene Herz ausreichend intensiv auf die Gefahr vortrainiert hätte. Damit das während der Ausbildung erworbene Wissen nicht verloren geht und immer wieder aufgefrischt werden kann, gibt es ein Gefahrentraining für Auto- und Motorradfahrer, zu denen man sich zum Beispiel beim ADAC jederzeit anmelden kann. Ziel des Gefahrentrainings ist, dass das Herz nicht erschrecke, wenn die Gefahr da ist, sondern man kühl und besonnen reagiert und das Richtige tut.
An dieses Gefahrentraining erinnert mich der Satz aus der Jahreslosung: Euer Herz erschrecke nicht. Eigentlich und für sich allein betrachtet, macht der Satz keinen Sinn: Man kann sich nicht befehlen, nicht zu erschrecken. Wer eine Todesnachricht erhält, oder wer erfährt, dass sich ein Unfall ereignet hat und ein lieber Angehöriger nun schwer verletzt in der Klinik liegt, dessen Herz wird erschrecken. Wer von seinem Ehepartner die Botschaft hört, dass ein weiteres Zusammenleben nicht mehr für möglich gehalten wird, wer seine Brustkrebsdiagnose bekommt, oder wer erfährt, dass seine Tochter wegen Drogengebrauchs von der Schule geflogen ist, dessen Herz wird erschrecken. Der Zuruf: „Euer Herz erschrecke nicht“ wird Menschen in dieser Lebenssituation schwerlich erreichen.
Aber: vielleicht gibt es so etwas wie ein lebenspraktisches Gefahrentraining, das wie beim Motorradfahrer Stürze vermeiden hilft? Gibt es so etwas wie eine Übung zum sicheren-Stand-Behalten, auch dann, wenn die Lebenskrise hereinbricht? Wie kann man sich vorbereiten auf solche existentiellen Krisenmomente, wie kann man bestehen und „nicht erschrecken“ – oder wenigstens: Lernen, mit dem eigenen Schrecken gut umzugehen, nicht gelähmt sein vor Schreck?
Ich denke, dass der zweite Satz aus der Jahreslosung so etwas wie das Gefahrentraining beinhaltet: Glaubt an Gott und glaubt an mich, sagt Jesus Christus. Darin enthalten lese ich die Botschaft: Wenn Du Deinen Glauben stärkst, bist Du auch für Krisen Deines Lebens gewappnet. Wohlgemerkt: Du wirst nicht den Lebenskrisen entkommen als glaubender Mensch! Du wirst den Erfahrungen der Krankheit, der Todesnähe, des Unglücks, der zerbrechenden Beziehung, des Misslingens von Erziehung nicht entgehen. Christen wissen, dass ihnen ihr Glaube nicht etwa ein leidfreies Leben beschert.
Aber: Der gestärkte Glaube hilft, das Erschrecken des Herzens zu bewältigen, damit umzugehen, damit zurecht zu kommen. Er hilft, das Leid, das uns im Leben begegnet, einzuordnen, in den richtigen Kontext zu bringen. Der Glaube hilft auch, dankbar zu bleiben für die Geschenke des Lebens, für alles Bewahrt-Bleiben, auch in den Unfällen unseres Lebens.
Ich überlege, wie das konkret geht, ein lebenspraktisches Gefahrentraining zu beginnen. Es ist vermutlich ein guter Beginn, sich bewusst zu machen, in welcher Hinsicht wir reich beschenkt sind. Welche Gesundheit und welche Begabung wurden uns geschenkt, mit welchen Freundschaften und sinnstiftenden Lebensbeziehungen sind wir ausgestattet, welche Liebe erfuhren wir von unseren Eltern und Großeltern, welchen Rückhalt bietet uns die Familie und welche Sicherheit der Arbeitsplatz.
Der zweite Schritt könnte sein: Dankbarkeit zu spüren für diese Geschenke, Dankbarkeit auch leise für sich oder laut in der Familie, in der Gemeinde, zu äußern. Dieser Schritt ist wichtig; er hilft, Lebenskrisen präventiv zu entschärfen.
Der dritte Schritt wäre: Sich auf die Vorstellung einzulassen, dass etwas von diesen Dankbarkeitsgründen weg bricht. Dass die Gesundheit angegriffen ist, dass einem liebe Angehörige durch Unfall, durch Tod entrissen werden, dass Partnerschaften zerbrechen; und sich der Frage zu stellen: Was bleibt für mich vom Leben, wenn das eintritt? Welchen Lebenssinn verfolge ich, wenn eines meiner Kinder stirbt, oder meine Ehepartnerin mich verlässt, oder Arbeitslosigkeit eintritt? Was gibt mir dann Halt, auf welche Bindung kann ich mich dann verlassen?
Der vierte Schritt wäre: Bewusst ein JA zu sagen zu Lebenskrisen, und bewusst JA zu sagen, dass man diese Krisen durchstehen will und kann. Nach meiner Beobachtung ist dieser Schritt einer der schwersten; viel leichter fällt es uns, den Gedanken an solche Lebenskrisen wegzuschieben, den Gedanken an die Begegnung mit dem Tod nicht zuzulassen, die eigene Gesundheit für unangreifbar und immer verlässlich anzusehen. Umso schärfer trifft einen dann aber der Schicksalsschlag, wenn er uns völlig unvorbereitet ereilt.
Die individuelle Antwort auf die Frage, was denn nun durch die Krise hindurch tragen soll und kann, wird immer unterschiedlich ausfallen – Menschen werden ganz unterschiedliche Formen finden, ihre Lebenskrisen zu meistern.
Sicher dürfte aber sein: Menschen, die einem in Krisen beistehen, die trösten, zuhören, Zeit haben, die einfach da sind und begleitend an der Seite bleiben, sind sehr, sehr wichtig. Sie leisten Seelsorge in der unmittelbarsten Weise.
Und für uns Christen tritt hinzu: Der feste Glaube, dass nichts und niemand (und auch der Tod nicht!) uns aus der Hand des liebenden Gottes reißen kann, ist ebenfalls eine der ganz großen Krisenbewältigungschancen. Dass Jesus Christus unser Begleiter auch in den Krisen unseres Lebens sein will, daran erinnert uns die Jahreslosung 2010.
Ich wünsche Ihnen ein spannendes lebenspraktisches Gefahrentraining, ich wünsche Ihnen Bewahrung vor existentiellen Krisen im kommenden Jahr und ich wünsche Ihnen in der Begegnung mit allem Leid immer Menschen und Gott an Ihrer Seite!
Mit herzlichen Grüßen aus Herzosägmühle
Ihr
Wilfried Knorr