FUNDISANANI – eine Geschichte die Mut macht

Südafrika und Deutschland

Beide Länder sind durch die gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen 1990 verbunden – Fall der Mauer in Europa, Freilassung Nelson Mandelas und damit Ende der Apartheid in Afrika. Seit diesen epochalen Ereignissen versuchen beide Länder in politischen, sozialen und auch wirtschaftlichen Umsteuerungsprozessen eine Wiedervereinigung, beziehungsweise Aussöhnung ihrer Zivilgesellschaften zu entwickeln – wie wir alle erfahren ein langer und steiniger Weg. Fundisanani will hier einen Beitrag leisten. Dieser Begriff aus der Sprache der Zulus bedeutet "Teach one another" – also in etwa sich gegenseitig begleiten und mitteilen/lehren, was funktioniert, was hilfreich ist, was weiter hilft. Das will unser Projekt in der Arbeit mit benachteiligten und oftmals entwurzelten jungen Menschen umsetzen, die sich dauerhaft nur werden stabilisieren können, wenn sie eine berufliche Ausbildung erhalten und Arbeitsmöglichkeiten finden. Erfahrungen aus einem Vorgängerprojekt zeigen uns, dass es in beiden Ländern viel Bedarf, aber auch viel Wissen gibt für fundisanani – teach one another.

Rückblick – Fußballweltmeisterschaft 2010

Südafrika mit all seiner kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Breite rückt in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit – und dies hat Wirkung, auch für Einzelne. Zum Beispiel Thami. Er nimmt an einem gemeinsamen Qualifizierungsprojekt von PACSA (Pietermaritzburg Agency for Community Social Action) in Südafrika und Herzogsägmühle in Deutschland teil. Das Projekt ist Teil einer Kooperation, die Sport und berufliche Qualifizierung benachteiligter junger Menschen verbindet. Fußballturniere und Ausbildungen in handwerklichen Bereichen für eine Gruppe von je zehn deutschen Jugendlichen mit Ausbildungsdefiziten und zehn südafrikanischen Jugendlichen aus Townships im jeweils anderen Land eröffnen Lernmöglichkeiten, die ihnen zurück auf dem jeweils heimischen Arbeitsmarkt bessere Vermittlungschancen verschaffen.

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Und es klappt tatsächlich

Thami lernt schweißen und macht sich nach seiner Rückkehr in sein Township selbständig. Zunächst baut und verkauft er Steinvögel und steigt dann um auf die Herstellung von Hoftoren und Fenstergittern. Er etabliert sich und verdient sein Geld mit dem Erlernten. Einer der Jugendlichen aus Deutschland, Hans-Georg, erfährt in Südafrika eine Lebenswirklichkeit, die den Wert der Unterstützung für seine Ausbildung und Förderung im Wohnbereich der Jugendhilfe in Deutschland unterstreicht und Motivation ist, die hier gebotenen Chancen zu nutzen. Er bleibt bei der Stange, schafft seinen Berufsabschluss als Mechatroniker und findet eine Arbeitsstelle.

Ausblick – 2014 ist wieder Fußballweltmeisterschaft

Alle Welt schaut jetzt auf Brasilien. Wir wollen den Impuls des sportlichen Weltereignisses wieder nützen. Aber wir wollen auch nachhaltig handeln, orientieren uns nicht nach Brasilien, sondern nehmen die ermutigenden Erfahrungen mit Südafrika aus dem Jahr 2010 wieder auf und geben der Nachhaltigkeit den Vorzug. Wir planen, die evaluierten Erfahrungen aus dem 2010er Projekt zu nützen, um mit erweiterten Kooperationen, jetzt auch mit Schulen, Stiftungen und zertifizierten Ausbildungspartnern in Südafrika, erneut ein transnationales Qualifizierungs- und Sportprojekt Südafrika/Deutschland zu veranstalten: FUNDISANANI - teach one another. Und das – wenn es uns gelingt – nicht mehr nur einmalig, sondern als regelmäßige jährlich oder zweijährlich wiederkehrende Begegnung – als fester Bestandteil der jeweiligen Qualifizierungsprogramme der beteiligten Kooperationspartner in beiden Ländern.

Wozu ein Qualifizierungsprojekt für südafrikanische Jugendliche in Deutschland?

 

1. Höhere Chance auf dem heimischen Arbeitsmarkt
Für die südafrikanischen Jugendlichen sollen durch berufliche Qualifizierungsmaßnahmen die tatsächlichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Südafrika erhöht und die guten Erfahrungen aus dem Jahr 2010 mit den speziellen Herzogsägmühler Ausbildungs- und Qualifizierungsangeboten wiederholt werden. Auf südafrikanischer Seite besteht großes Interesse an Ausbildungsinhalten und -methoden in handwerklichen und technischen Berufen. Die geplanten und im Folgenden aufgelisteten Qualifizierungsmodule sind am besten für Teilqualifikationsmaßnahmen geeignet – im Hinblick auf eine bessere Vermittlung am Arbeitsmarkt und/oder Selbstständigkeit/Microbusiness.

2. Interkulturelles Lernen
Entscheidend ist in diesem Projekt auch die Erweiterung des Horizonts durch internationale Kontakte und Erfahrungen (interkulturelle Kompetenz), sowie die Anhebung der Selbstsicherheit durch positive Erfahrung im internationalen Kontext. Bevorzugt werden benachteiligte Jugendliche (NEET, not in education, employment and training).

3. "pay back to the community"
Die südafrikanischen Jugendlichen bringen ihre neuen Qualifikationen und interkulturellen Erfahrungen zurück in ihr jeweiliges Lebensumfeld und initiieren so weitere gesellschaftliche Entwicklungsprozesse (Ubuntu = afikanisches Konzept für soziale Verantwortung). "Eine Person ist eine Person durch andere Personen" (Erzbischof Desmond Tutu).

Was können die südafrikanischen Jugendlichen in Herzogsägmühle lernen?

Auswahlkriterien für Qualifizierungsmodule

  • Die Qualifikation soll es den Teilnehmern ermöglichen, leichter auf dem südafrikanischen Arbeitsmarkt vermittelt zu werden und/oder den Start eines Mikro- Kleingewerbes ermöglichen.
  • Es wurden Werkstätten identifiziert, in denen Qualifikationen vermittelt werden, für die im Hinblick auf eine spätere Selbständigkeit wenig Startkapital benötigt wird.
  • Es wurden Werkstätten ausgewählt, die Teilaspekte der zu lernenden Berufsfelder in vier Wochen so vermitteln können, dass es den Teilnehmern nach der Rückkehr eine bessere Vermittlung in den heimischen Arbeitsmarktes und/oder zu einer Selbständigkeit befähigen.

Mögliche Ausbildungs-/Qualifizierungsbereiche in Herzogsägmühle

  • Schlosserei
  • Metallwerkstatt
  • Malerei
  • Bäckerei
  • Catering
  • Schreinerei
  • Holzwerkstatt
  • IT-Zentrum
  • Installation
  • Buchbinderei
  • Wachswerkstatt
  • Kunsthandwerkstatt

Wie beteiligen sich die deutschen Jugendlichen und Kooperationspartner an diesem Projekt?

 

Interkulturelles Lernen soll für die Schüler, deren Familien und alle am Projekt beteiligten Menschen ermöglicht werden; dies auch vor dem Hintergrund der Inklusionsbemühungen und Fragen der Integration.

Das Welfen-Gymnasium begleitet mit seinem sozialwissenschaftlichen Zweig die südafrikanischen Jugendlichen und wird den Besuch inhaltlich aufbereiten. Das Konzept sieht vor, dass die deutschen Schüler in den Pfingstferien zwei Wochen gemeinsam mit den südafrikanischen Partnern am handwerklichen Skillstraining teilnehmen. Den südafrikanischen Teilnehmern wird je ein Gymnasiast als Tutor zur Seite gestellt. Auf diesem Weg lernen auch die Tutoren verschiedene Berufe kennen und erwerben daneben auch handwerkliche Fertigkeiten. Durch den Kontakt mit benachteiligten Menschen aus einer anderen Kultur relativiert sich die Sicht auf die eigene Position. Auch kann ein neues Verständnis für demokratische Prozesse erlernt werden.

Idealerweise können sich Schüler des sozialwissenschaftlichen Zweigs bewerben, für die dieses Praktikum als ihr Pflichtpraktikum angerechnet wird. Selbstverständlich können sich aber auch Schüler anderer Zweige oder Schüler der Oberstufe als Tutoren bewerben. Bevorzugt werden auf alle Fälle Schüler, die auch einen südafrikanischen Jugendlichen als Gast in ihrer Familie aufnehmen können. Die Familien der Schüler profitieren von dem kulturellen und emotionellen Austausch mit den südafrikanischen Gästen. Sie haben das gute Gefühl, die Welt ein kleines Stück lebenswerter gemacht zu haben. Das Erleben einer gewaltfreien, offenen Gesellschaft und gleichberechtigter Partnerschaften, in denen auch Männer Haus- und Erziehungsarbeit leisten, soll als Ziel in den Köpfen und Herzen unserer Gäste verankert werden.

Eine Schülerin des Welfen-Gymnasiums wird zur Vorbereitung im Herbst 2013 am Life-Skills-Training beim Thabiso Skills Institute in Kapstadt teilnehmen und dann die Tutoren des Gymnasiums beim Besuch der südafrikanischen Jugendlichen im Juni/Juli 2014 begleiten/anleiten.


Im Rahmen eines groß angelegten regionalen "Afrika-Tages" der Stiftung Scheuklappen in Zusammenarbeit mit dem Welfen-Gymnasium, Herzogsägmühle und vielen anderen Partnern wird der Eine-Welt-Gedanke und die Beachtung der sozialen und politischen Entwicklungen in Afrika in der Region Schongau/Peiting einen höheren Stellenwert bekommen.

Wie nachhaltig ist das Projekt?

Aus diesem Projekt könnte eine dauerhafte internationale Partnerschaft oder ein langfristig unterstützendes Netzwerk zwischen Herzogsägmühle und regionalen Partnern sowie internationalen Partnern in Südafrika entstehen. Inhaltlich stehen sich das Thabiso Skills Institute und Herzogsägmühle sehr nahe, da beide konfessionell orientiert sind. Möglich sind auch Schulpartnerschaften. Hinter Thabiso Skills Institute steht das Catholic Institute for Education (CIE) mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Schulen. Da das Welfen-Gymnasium viel Erfahrung im internationalen Austausch hat, stehen eingespielte Verfahren zur Verfügung.

Und für die Teilnehmer?

Bezogen auf die (nachhaltige) Verbesserung der Lebensbedingungen für die Teilnehmenden selbst, zielen wir auf das ab, was in Südafrikas Jugendarbeit mit dem Terminus Sustainable Livelihood gemeint ist: Nachhaltige Sicherung des Lebensunterhaltes. Die Idee/der Wunsch ist, dass die Teilnehmer durch das Erlernen bestimmter Fähigkeiten in Herzogsägmühle in der Lage sind, sich anschließend in ihrer südafrikanischen Lebenswelt eine berufliche Existenz aufzubauen. Entweder indem sie ein sogenanntes Microbusiness als Klein-Selbständige starten oder indem ihre Chancen auf Anstellung erhöht werden.

Dabei geht es natürlich nicht ausschließlich um die rein finanzielle Sicherung bei der Rückkehr der Teilnehmer. Ebenso wichtig sind die individuellen Erfahrungen, die durch den Aufenthalt in Deutschland gemacht werden. Für die meisten ist es eine einmalige Gelegenheit, solch eine Reise zu  unternehmen. Viele werden nicht einmal zwei südafrikanische Großstädte kennen. Die Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen, wird  lebensverändernde und einstellungsverändernde Wirkung mit sich bringen, die sich in bisher ungedachten und ungewagten Ideen niederschlagen können.

Vom ersten Austausch nach Herzogsägmühle sind folgende Beispiele zu berichten:

Thami hat seine erworbenen Kenntnisse im Schweißen vertieft und verdient nicht nur sein eigenes Geld, sondern unterstützt Mutter, zwei Schwestern und einen Neffen mit dem Lohn aus seinem Microbusiness. Nomusa hat dank ihrer erworbenen Bäckereierfahrung anfangs eine Anstellung in einer kleinen Backstube bekommen, wechselte dann in einen großen Supermarkt an die Take-away-Theke und hat inzwischen eine feste Anstellung in der häuslichen Pflege von Kranken. Auch Nonbuchle‘s Plan wurde ein Erfolgskonzept. Zurück von ihrer Kurzausbildung im Herzogsaegmühler Frisörsalon hat sie beim frisieren ihrer Kunden den Bedarf an Kinderbetreuung erkannt. Sie ist nun Tagesmutter für eine riesen Rasselbande und auch sie unterstützt mit ihrem Einkommen die Familie. Andile wurde von PACSA mit festem Vertrag übernommen. Inzwischen ist er dank der erworbenen und ausgebauten IT-Kenntnisse in Verbidung mit einem Public Relation-Studium an einem staatlichen Krankenhaus fest angestellt.