Jahresmotto 2020:

Perspektiven verändern

 

Liebe Freundinnen und Freunde von Herzogsägmühle,

Sie kennen vielleicht die Anekdote: Das junge Ehepaar sieht, wie die neu eingezogene Nachbarin Samstag früh die Wäsche aufhängt. Die Frau sagt: "Nicht mal eine ordentliche Waschmaschine können die sich leisten, schau wie dreckig die Wäsche ist, die sie aufhängt." Das wiederholt sich viele Wochen lang, bis eines Samstags plötzlich die Frau ruft: "Schau, sie müssen eine neue Waschmaschine haben, jetzt endlich ist die Wäsche strahlend sauber!" Der Ehemann antwortet: "Nein, ich habe heute ganz früh die Fenster geputzt …"

Perspektiven verändern, gewohnte Sichtweisen in Frage stellen, den Blickwinkel des anderen einnehmen – das sind heilsame Übungen in der pädagogisch-therapeutischen Arbeit und in allen langfristigen Beziehungen. Mit unserem Jahresmotto erinnern wir uns daran und richten den inneren Focus auf die wunderbaren Möglichkeiten, die uns ein Perspektivwechsel schenken kann: Neues, besseres Verstehen, wo sonst nur Urteilen bliebe.

Auch wegen der Entwicklung unseres Unternehmens ist solch ein Perspektivwechsel notwendig: Denn knapp die Hälfte der Mitarbeitenden sind nicht im Ort Herzogsägmühle, sondern in den Regionen um uns herum tätig. Welche Identität wird sich herausbilden, wenn wir Sozialraumorientierung ernst nehmen und nicht mehr nur vom historischen Ort Herzogsägmühle aus das Unternehmen Herzogsägmühle gestalten? Und: wie hilfreich kann dabei ein größeres Gemeinsames sein, zum Beispiel die Verankerung im christlichen Glauben, das diakonische Bekenntnis?

Das Bundesteilhabegesetz ist eine in juristische Form gegossene Veränderung der Perspektive auf Menschen mit Behinderung. Sie werden immer weniger als Sozialhilfeempfänger und Objekte der Dienstleistungen von Sozialunternehmen und immer mehr als BürgerInnen mit Recht auf umfassende Teilhabe in inklusiv gestalteten Lebensräumen gedacht. Dass wir dieses Recht einlösen können, darum bemühen wir uns hier in Herzogsägmühle und in allen Orten, in denen Mitarbeitende für den Spirit der Diakonie einstehen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr W. Knorr