Adventsbrief 2021 und Jahreslosung 2022

Jesus Chistus spricht:

 

Wer zu mir kommt,
den werde ich nicht abweisen.

 

Johannes 6,37

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Herzogsägmühlerinnen und Herzogsägmühler!

Als ich das erste Mal in meinem Leben einem Mädchen hätte sagen sollen, dass ich sie sehr hübsch finde, gern habe und sie öfter sehen will, hat es mir die Kehle zugeschnürt – kein Wort habe ich herausgebracht. Ich hatte Angst, abgewiesen zu werden.
Wenn Menschen mit einem ausländisch klingenden Nachnamen sich bei Vermieterinnen und Vermietern um eine Wohnung bewerben, damit sie endlich aus der Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete ausziehen können und ihrem 2-jährigen Kind ein menschenwürdigeres Zuhause bieten können, haben sie Angst, wegen ihrer Herkunft abgewiesen zu werden.
Wenn Langzeitarbeitslose ihre zweihundertste Bewerbung abgeschickt haben, haben sie Angst wieder nur eine lapidare Absage zu bekommen, also abgewiesen zu werden.

Die Erfahrung, nicht erwünscht zu sein, auf eine kalte Schulter zu treffen bei der Begegnung mit Menschen, die Erfahrung, dass man nicht genügt, dass einem nicht zugehört wird und man auch nicht dazugehört – das ist immer schmerzhaft, manchmal sogar traumatisierend. Die Sehnsucht nach Angenommen-Sein ist groß, in uns allen.

In der Jahreslosung nun wird uns die existenziell bedeutendste Zusage gegeben: Wer zu mir kommt, sagt Jesus, den werde ich nicht abweisen. Und er begründet seine Haltung, sein Versprechen, damit, dass er auf diese Weise den Willen Gottes, seines Vaters, erfüllt. Es ist also der Wille Gottes, dass wir zu Jesus Christus kommen und dort die Erfahrung machen, ganz und gar dazuzugehören, nicht abgewiesen, nicht hinausgestoßen zu werden.

In unseren Ort kommen viele Menschen, die das Vertrauen auf solche vorbehaltlose Annahme schon verloren, eingebüßt haben. Weder erlebten sie in ihrer Kindheit, dass sie mit Allem, aber auch wirklich Allem zu Mama oder Papa kommen konnten und niemals abgewiesen wurden – noch erlebten sie Kirche als so herzlich einladend, dass sie sich total zugehörig fühlten – noch haben sie das Vertrauen, dass sie vor Gott so sein dürfen, wie sie sind und nicht verstoßen werden in ein wie auch immer geartetes höllisches Fegefeuer. Leben gelingt nicht gut, wenn dieses Urvertrauen zerschlagen worden ist.

In diese Urangst des Menschen hinein, bestimmt wieder abgewiesen zu werden, in dieses "an sich selbst und an den Menschen und an der Welt – Zweifeln" hinein spricht nun die Jahreslosung, sprechen Gott und Jesus Christus ein Versprechen: Von mir wirst Du nicht abgewiesen.

Swen Keyser hat auch für dieses vor uns liegende neue Jahr die Jahreslosung 2022 bildlich interpretiert. Aus dem Dunkel heraus sind Gestalten unterwegs in eine lichte Zukunft. Der Weg ins Licht führt über das Kreuz. Ich stelle mir vor, dass Menschen an Kreuzungen kommen; es ist unklar, wohin es genau weitergeht, was passiert, wenn man rechts oder links abbiegt oder den Weg geradeaus weitergeht. Vielleicht sind auch gar nicht alle gleichermaßen in eine Richtung unterwegs. Vielleicht begegnen wir Menschen, die uns frontal oder von der Seite entgegen kommen und sich wieder ins Dunkel flüchten wollen, weil dem Licht und der Wärme nicht vertraut wird. Vielleicht sind wir selbst eher auf dem Holzweg und nicht auf dem Weg ins Helle.

Ich glaube, dass das Vertrauen auf die Zusage Jesu, dass er uns nicht abweisen wird, schon hier in diesem Leben gestärkt werden muss – durch Menschen, die uns nicht abweisen. Wir brauchen die lebendige Erfahrung des Angenommen-Seins, der Zugehörigkeit, nicht erst nach unserem Sterben, sondern jetzt, mitten im Leben. Das ist unser Auftrag als Christen in dieser Welt: Andere Menschen vorbehaltlos annehmen, im Bewusstsein, dass Jesus nichts anderes mit allen Menschen, also auch mit mir, tun wird.

Ich wünsche Ihnen im Advent und im ganzen nächsten Jahr viele Begegnungen, die gekennzeichnet sind von Respekt, Einladung zum Dazugehören, von Achtsamkeit und von der Gewissheit des nicht ausgeschlossen Seins.

Mit einem herzlichen Gruß,

Ihr
Wilfried Knorr
Geschäftsführer der Diakonie Herzogsägmühle