Pressenotizen

Bürgermeister des Landkreises Weilheim-Schongau diskutieren mit Verantwortlichen aus Herzogsägmühle:

Inklusive Gesellschaft verwirklichen

Inklusion ist ein Thema, das auch im Landkreis Weilheim-Schongau immer mehr an Bedeutung gewinnt. Für die einen scheint es ganz normal zu sein, wenn Menschen mit Beeinträchtigungen in ihrer Nähe leben, arbeiten und ihre Freizeit verbringen – für andere bedeutet dies noch eine große Herausforderung, wie Diskussionen in den vergangenen Wochen gezeigt haben. Um den tiefgreifenden Veränderungsprozess hin zur inklusiven Gesellschaft voranzubringen, luden Wilfried Knorr, Direktor von Herzogsägmühle, und Ingo Remesch, Teilhabebeauftragter des Landkreises Weilheim-Schongau, zu einer Konferenz nach Herzogsägmühle ein. Geladen waren Bürgermeister und Stadt- und Gemeinderäte der Städte und Gemeinden, Mitarbeitende aus den Verwaltungen und Verantwortliche aus Herzogsägmühle.

In seinem Einführungsreferat sprach Wilfried Knorr über die Entwicklung von Herzogsägmühle in der Vergangenheit und die Perspektiven in der Zukunft sowie über Inklusion in den Städten und Gemeinden. "Barrierefreiheit fängt in den Köpfen und Herzen an", betonte Knorr und forderte seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit der Frage "Welche Begrenzungen eines Menschen finden an welchen Orten Akzeptanz?" heraus. Auf die Frage, wie viele Menschen mit Unterstützungsbedarf in einer Stadt oder Gemeinde leben können, ging er am Beispiel Herzogsägmühle ein: "In unserem Dorf brauchen 700 von 900 Einwohnern Hilfe – und hier ist das Verhältnis noch nicht gekippt sondern man lebet fröhlich zusammen", äußerte er im Hinblick auf Kommunen, die sich sorgen, dass zu viele Menschen mit Behinderung bei ihnen wohnen könnten. "Für Herzogsägmühle treiben wir die Entwicklung der inversen Inklusion voran – das bedeutet, anstatt ein besonderer Ort und Sondereinrichtung zu sein, werden wir immer mehr "Normalität" in unser Dorf holen." Menschen ohne Hilfebedarf fühlen sich hier genau so wohl, wie Menschen, die vorübergehend oder dauerhaft auf Hilfe angewiesen sind. Der MühlenMarkt und das Café und Wirtshaus Herzog stehen für jeden offen, zum Gottesdienst in der Martinskirche ist jeder eingeladen.

Nach dem einführenden Referat gingen die Teilnehmenden in vier verschiedene Diskussionsgruppen, in denen sie die Teilhabeplanung im Landkreis, im Blick auf einzelne Kommunen, in der Stadt Schongau und die Inverse Inklusion in Herzogsägmühle diskutierten.

Für den Landkreis Weilheim-Schongau stellten die Anwesenden fest, dass eine gelingende Inklusion dann erfolgt, wenn einzelne Verbesserungsschritte mit dem jeweiligen Lebensumfeld abgestimmt sind. Unumgänglich hierbei sei, dass sich Gemeindeparlamente und andere ortsansässige Gruppierungen wie beispielsweise Vereine, Pfarreien und andere mit der Inklusion auseinandersetzen und sich dann Ziele für die Umsetzung stellen. Der Teilhaberat als Gremium von Politik, Betroffenen, Verwaltung und Kostenträgern sollte auf dieser Basis die Umsetzung von Zielen mit überörtlichem Charakter fördern, als Bindeglied zwischen den einzelnen Interessengruppen dienen und die Erfordernisse der Sozialplanung gegenüber den Entscheidungsgremien vertreten.

In der Gruppe "Inverse Inklusion" wurde diskutiert, welche Erfahrungen im "Ort zum Leben" Herzogsägmühle mit dem Thema Inklusion schon vorhanden sind. Im Blick auf die Arbeit der Kinderhilfe Oberland, auf die Förderschulen und auf die Themenbereiche Pflege und Altenhilfe wurde über Konzepte inklusiver Arbeit nachgedacht. Die Gäste zeigten sich sehr interessiert daran, dass das Thema Inklusion einen höheren Stellenwert in der öffentlichen Debatte bekommt und die Gemeindeparlamente sich noch besser informieren.

In der Gruppe mit Blick auf die Kommunen wurde das positive Beispiel der Gemeinde Peiting durch Bürgermeister Michael Asam vorgestellt. Der Gemeinderat hatte einen hochrangigen Vertreter der Bezirksverwaltung eingeladen, um sich aus erster Hand über die Vorgaben und Vorhaben im Rahmen der Inklusionsthematik informieren zu lassen und vertieft darüber zu diskutieren. Die Runde war sich einig, dass neben den Fachleuten jetzt auch in der Bevölkerung das Thema Teilhabe und Inklusion in geeigneten Angeboten eingeführt werden sollte. Inklusion funktioniert nur, wenn es eine breite gesellschaftliche Bewegung wird und den Weg heraus aus den Fachgremien findet. Angeregt wurde, zusammen mit dem Teilhaberat für den Landkreis Weilheim-Schongau das Ziel auszurufen, bis 2025 ein inklusiver Landkreis zu sein und darin explizit alle Kommunen und Kommunalvertreter mit Informations- und Diskussionsveranstaltungen sowie über die Vermittlung von gut gelungen Beispielen, einzubinden.

In der Arbeitsgruppe "Teilhabe und konkrete Planungen in Schongau" waren besonders die tatsächlichen Zahlen zu den Mietwohnungen, die Herzogsägmühle in ganz Schongau (52) und davon im Altstadtbereich (29) hat, interessant; Läden, Beratungsstellen, Büros und Tagesstätte und die Schongauer Tafel sind dabei mit eingerechnet. Ebenso aufmerksam wurden die Informationen über die Rolle von Herzogsägmühle als Arbeitgeber aufgenommen – aus Lohn- und Beitragszahlungen von jährlich mehr als 50 Millionen Euro verbleiben bei den 1.400 Mitarbeitenden rund 20 Millionen Euro an Kaufkraft – mehr als 1 Million Euro fließt in Form der Anteile an der Lohn- und Einkommenssteuer den Wohnsitzkommunen zu.
Aber – so war man sich einig – gelingt ein Aufsummieren von vermeintlichen Vor- und Nachteilen nicht, um daraus ein richtiges Maß an inklusiven Wohnmöglichkeiten für einen Sozialraum bestimmen zu können. Entscheidend ist die Haltung und der Maßstab, mit dem "normale Bürgerschaft" definiert wird: Ist der (Toleranz-)Korridor breit genug, sind es automatisch weniger, die scheinbar anders sind.
Verbessert werden soll der Zugang zu Informationen für die Mandatsträger: Zahlen und Fakten aus erster Hand sollen zur Entscheidungsfindung vorliegen. Die Auseinandersetzung der Kommunalparlamente mit dem politischen Auftrag der Inklusion hat gerade erst begonnen – die mit der Umsetzung beauftragten Dienste und Einrichtungen müssen in die langfristigen Planungen einbezogen werden. Schließlich soll auch die Bürgerschaft die Möglichkeit haben, über Sorgen und Befürchtungen unmittelbar mit den Verantwortlichen sprechen zu können.

Für die Herzogsägmühler Verantwortlichen waren die Anregungen der anwesenden Bürgermeister, Stadträte und Verwaltungsmitglieder sehr wichtig. Zukünftig soll in der Region häufiger direkt mit den Gemeinderäten in Kontakt getreten werden, um Themen wie Teilhabe und Inklusion, aber auch notwendige regionale Entwicklungsschritte mit den Kommunen zu diskutieren.

Inklusion geht alle an – das, was für Fachleute selbstverständlich ist, soll in Zukunft auch in den Gemeindeparlamenten und in der Bevölkerung kein Fremdwort mehr sein. Und Menschen mit Behinderungen und anderen Einschränkungen sollen sich in allen Städten und Gemeinden des Landkreises Weilheim-Schongau und darüber hinaus wohl fühlen und angenommen sein.