Jahresbericht 2015

Freizeit- und Bildungswerk

Therapeutisches Klettern

Seit 2009 gibt es das Therapeutische Klettern im Rahmen der medizinischen Rehabilitation. Damit ist es in idealer Weise möglich im Gruppenverband und doch sehr individuell sporttherapeutisch zu arbeiten. Es steht jeweils ein ganzer Vormittag oder Nachmittag fürs Klettern zur Verfügung.

Ablauf
Um den Teilnehmern schon zu Beginn Sicherheit zu geben ist der Ablauf wie ein Ritual immer gleich. Die Gruppe startet mit der Einführungsrunde: Befindlichkeiten werden abgeklärt; was klingt vom letzten Klettern noch nach; persönliche Ziele der Klettereinheit benennen. Dann schließt sich allgemeines Warming up an und die Bildung der 3er Teams mit Kletterer, Sicherer und Hintersicherer, wobei die Rollen ständig durchgewechselt werden. Das Klettern beginnt mit leichten Routen. Wir nennen das Kletterlesebrille aufsetzen und Klettersysteme hochfahren. Zwischendurch erfolgt immer wieder persönliches Coaching der Teilnehmer, auch in Einzelgesprächen. Zur Halbzeit wird Zwischenbilanz gezogen in gemeinsamer Feedbackrunde und es werden persönliche Ziele für die zweite Kletterhälfte festgelegt, nachjustiert. Beendet wird die Einheit mit einem Abschlussfeedback in gemeinsamer Runde. Alle Runden zeichnen sich durch eine sehr große Offenheit und Vertrauen aus.

Grundsätzlich wird versucht, die Teilnehmer von Anfang an selbst ausprobieren zu lassen. So erhalten sie beispielsweise zu Beginn der ersten Einheit keine Erklärung zu den Klettergurten oder anderem Material. Sie sollen sich stattdessen zu dritt zusammenfinden und in der Auseinandersetzung mit der Thematik gemeinsam die beste Lösung finden, welches Material sie wie verwenden und wie sie sich selbst organisieren würden, um zu dritt sicher klettern zu können. Ihre Lösung stellen sie den anderen vor und bewerten diese selbst hinsichtlich des Aspekts "Würden wir so auch tatsächlich klettern?" Die Idee dahinter ist, die angehenden Kletterer von Anfang an in die Lernverantwortung zu nehmen. Nachdem jetzt alle schon mal das Klettermaterial in Händen hatten und damit ausprobieren konnten, sind die Teilnehmer sehr viel aufmerksamer und es ist nun deutlich leichter in kleinen Einheiten zu erklären, wie sicheres Klettern durchgeführt werden muss. Die richtige Handhabung kann anschließend Schritt für Schritt sehr viel besser gezeigt und geübt werden. Erst dann kommen die ersten Kletterversuche. Immer ist Sicherheit in allen Klettereinheiten oberstes Gebot!

Ein sehr wichtiger Aspekt ist die Förderung der Kooperation und Gemeinschaft beim Klettern. Nach einer Kletterroute findet grundsätzlich ein gegenseitiges respektvolles Abklatschen statt. Dabei bedankt sich der Kletterer bei seinem Sicherer und Hintersicherer für die Aufmerksamkeit und die Zeit, die sie ihm gewährt haben: "Danke fürs Sichern!" Sichererer und Hintersicherer drücken ihren Respekt vor der Leistung des Kletterers aus: "Super geklettert!"

Eine weitere Besonderheit ist das Tutoring. Erfahrene Teilnehmer werden angehalten die Unerfahrenen zu unterstützen. Für die Anfängergruppe wird ein fortgeschrittener Kletterer ausgewählt, der mit dem Therapeuten das Angebot begleitet. So kommt es für die Persönlichkeitsentwicklung des fortgeschrittenen Kletterers zu einem wirksamen Rollentausch.

Feedback

Am Ende des Therapieangebotes füllen die Teilnehmer einen Fragebogen aus. Einige Fragen können auf einer Skala von 1= nicht bis 10 = stark angekreuzt werden. Andere Fragen können mit freiem Text beantwortet werden. Derzeit liegen 93 ausgewertete Fragebögen vor.

Es ergibt sich folgendes Bild:
(alle Grafiken sind auf Klick vergrößerbar)

Durchschnittliche Anzahl an Teilnahmen: 7,7

Meine Ziele im Kletterangebot waren:

  • die Wand hoch kommen
  • Ängste überwinden, gut sein, mehr Vertrauen in mich und andere
  • Konzentration fördern, durch Spaß und Erfolge, Gelassenheit und Ausgeglichenheit verbessern

Meine Ziele habe ich erreicht: Ø 6,8 Punkte

Meine wichtigsten körperlichen Erfahrungen waren:

  • bis ans Limit gehen und trotzdem noch die Kontrolle haben. Falltest. Sichern. In der Wand stehen.
  • es geht immer einen Schritt weiter
  • ausgepowert sein, und das geile Gefühl eine schwere Route gepackt zu haben

Mein körperlicher Zustand hat sich durch das Klettern verbessert: Ø 5,7 Punkte

Meine wichtigsten psychischen Erfahrungen waren:

  • dass ich auch mal kurz Angst hatte, Vertrauen zu haben, Vertrauen zu geben
  • während des Kletterns kein Gedankenrasen
  • es geht mir nach dem Klettern besser als davor

Mein psychischer Zustand hat sich durch das Klettern verbessert: Ø 5,7

Meine wichtigsten sozialen Erfahrungen waren:

  • Teamgeist beim Klettern
  • Akzeptanz der verschiedenen Fähigkeitsgrade
  • partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Teilnehmer und Therapeuten
  • Vertrauen fassen an sich und anderen Mitmenschen
  • Zusammenhalt

Meine Kontaktfähigkeit hat sich durch das Klettern verbessert: Ø 5,2
Die Therapeuten waren kompetent und souverän: Ø 8,9
Die Möglichkeiten in der Kletterhalle Peißenberg waren für mich ideal: Ø 8,6

Im Rahmen der medizinischen Rehabilitation halte ich das therapeutische Klettern für wichtig: Ø 8,0

  • weil es eine gute körperliche, soziale und psychische Erfahrung gibt
  • weil keine andere Therapie es mit so wenigen Worten versteht, Ressourcen jedes Teilnehmers zu finden, auszugraben und zu erweitern - sofern man sich darauf einlässt!
  • weil es die Konzentration auf das Hier und Jetzt bringt, die auch im Leben sonst immens wichtig ist.

Ich hätte noch stärker profitieren können

  • wenn ich meinen inneren Schweinehund mehr überwunden hätte, mich mehr meiner Angst gestellt hätte
  • wenn das Kletterprojekt weitergelaufen wäre
  • wenn ich körperlich fitter gewesen wäre.

Fallbeispiel:

Teilnehmer, 25 Jahre

Diagnosen:

  • Schwere Depressionen
  • Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung
  • Morbus Crohn (Chronische Darmentzündung)

An der Klettertherapie wollte ich teilnehmen, weil ich schon früher zwei Mal klettern gewesen bin und ich eigentlich ganz gerne Sport betreibe. Außerdem haben mir die meisten anderen Therapien nicht wirklich geholfen. Dass die Klettertherapie aber so einen positiven Effekt auf mich haben würde, konnte ich mir damals wirklich nicht vorstellen. Seitdem habe ich in den folgenden Punkten extreme Fortschritte gemacht:

Schritt für Schritt denken
In den letzten knapp zwei Jahren habe ich es geschafft, dass ich mir nicht mehr Gedanken mache, was wohl in fünf Jahren sein wird. Anfangs fiel es mir auch beim Klettern schwer, habe es dann aber anwenden können und auch auf das Leben übertragen. Das ging aber nicht durch zwanghaftes Anwenden im Leben, sondern hat sich durch ständiges Training im Klettern automatisch auf mein Verhalten im Leben ausgewirkt.

Vertrauen aufbauen
Ich habe durch das Klettern gelernt, Vertrauen sowohl in das Material als auch in meine Mitkletterer zu haben. Aufgrund meiner Vorgeschichte fiel es mir schwer, anderen Menschen zu Vertrauen. Durch das Klettern habe ich gelernt, mich auch anderen anzuvertrauen und Freundschaften zu schließen.

Selbstvertrauen / Selbstwertgefühl
Durch das Klettern habe ich auch mein Selbstvertrauen steigern können. Da ich sehr oft zum Klettern mitgegangen bin, bin ich immer besser geworden und das hat mir gezeigt, dass ich doch was kann. Außerdem habe ich sehr schnell Verantwortung übernehmen können, da ich in der Anfängergruppe dann als Begleiter/Tutor mit dabei war. Dadurch stieg mein Selbstwertgefühl. Ich konnte mich so annehmen wie ich war und die suizidalen Gedanken wurden dadurch weniger.

Fokussierung auf eine Sache
Das war vor allem wichtig für mein Gedankenkreisen. Normalerweise gehen mir immer mehrere Gedanken gleichzeitig durch den Kopf, was dann oft zu einer Überforderung und zu Schlafstörung geführt hat. Vor allem beim Klettern konnte ich das Gedankenkreisen unterbrechen und das hielt dann auch ein oder zwei Tage an.

Umgang mit Rückschlägen
Sowohl beim Klettern als auch im Leben gab es bei mir immer wieder Rückschläge. Im Sommer 2012 war ich sogar kurz davor, meine Kletterschuhe an den Nagel zu hängen. Zu der Zeit hatte ich eine schwere depressive Phase  und ich konnte mich nicht mehr auf das Klettern konzentrieren. In der Sommerpause habe ich dann aber gemerkt, dass mir das Klettern fehlt und habe danach mit dem Klettern weitergemacht. Und plötzlich habe ich extreme Fortschritte gemacht. Und das hat mir gezeigt, dass man sich von Rückschlägen nicht einschüchtern lassen soll, sondern diese reflektieren und dann einfach den nächsten Schritt machen. Dies konnte ich sehr gut auf mein Leben übertragen und kann sagen, dass ich inzwischen um Welten besser mit Rückschlägen umgehen kann.

Auf die Frage "Was bringt mir das Klettern?" kann ich nur sagen, dass ich ohne das Klettern lange noch nicht psychisch so stabil wäre wie ich es heute bin. Das Wichtige bei mir war halt, dass ich einfach drangeblieben bin, auch wenn es mir psychisch total mies ging.

Aktuelle Entwicklung des therapeutischen Kletterns in Herzogsägmühle

Eine sehr interessante private Initiative möchte das therapeutische und pädagogische Klettern und Klettern mit Handicap als Inklusionsprojekt in den Mittelpunkt aller Planungsüberlegungen stellen. Es soll ein Leuchtturmprojekt werden. Dazu könnte in Herzogsägmühle ein Gebäudeensemble entstehen mit Innenkletterhaus, Außenkletterhaus, Boulderbereich drinnen und draußen, Freizeitgelände für alternative Bewegungsformen und Herberge.

Herzogsägmühle hat zugesagt, dafür ein Gelände zur Verfügung zu stellen. Die benachbarten DAV-Sektionen Peiting, Schongau und Peißenberg sind daran interessiert. Sollte das Wirklichkeit werden, läge Herzogsägmühle mitten im Schlaraffenland des Kletterns.