Das Jahr 2020 - was wir bewegt haben

Im Rückblick auf das vergangene Jahr können wir erstaunlicher Weise feststellen, dass entgegen des eigenen Gefühls die Corona-Pandemie doch nicht zu einem totalen Stillstand der Unternehmensentwicklung geführt hat.

Im letzten Jahresbericht blickten wir voraus auf die Frage der dezentral gedachten Struktur von Herzogsägmühle; hier haben wir mit dem Sozialraum Weilheim als "Pilotprojekt" begonnen, die Mitarbeitenden aus verschiedenen Fachbereichen stärker miteinander zu verzahnen und den fachbereichsübergreifenden Austausch zu verstärken.

Dabei nimmt auch das im letzten Jahr begonnene Projekt "Herzogsägmühle 2025" eine wichtige Funktion wahr – denn dort wird nicht nur das Thema "Dorfentwicklung Herzogsägmühle" (z.B. mit umfassenden Untersuchungen des öffentlichen Personennahverkehrs mit dem Ziel der besseren Anbindung unseres Ortes an die Verkehrsnetze der Umgebung sowie mit Überlegungen zur aktivierenden Beteiligung der Hilfeberechtigten) bearbeitet, sondern auch die Sozialraumorientierung ist Gegenstand der Projektarbeit.

In Weilheim steht zudem die Entstehung eines inklusiven Quartiers (wie auch in Herzogsägmühle mit kommunalem Wohnbau am nördlichen Ortsrand) auf der Agenda, sodass anfassbar und erlebbar sein wird, was sozialräumliche Gestaltung für die Lebensqualität der Menschen mit Unterstützungsbedarf bedeuten kann. Entsprechend kommt, wie im letzten Jahr berichtet, auch der intensiveren Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Oberland im Dekanat Weilheim verstärkte Bedeutung zu.

Mit dem Vorstand und der Geschäftsführung des DW Oberland haben wir im vergangenen Jahr die begonnene Entwicklungspartnerschaft vertieft und nach konkreten, uns verbindenden Projekten (neben der bereits bewährten Kooperation im Feld der Flüchtlingshilfe) gesucht.

Der Nachfolger des langjährigen Vorstandsmitglieds Dr. Günther Bauer, Diakoniepfarrer Thorsten Nolting, hat seinen Dienst im Juni 2020 angetreten. Der dreiköpfige Vorstand (theologischer Vorstand Pfarrer Nolting, Finanzvorstand Hans Rock und Fachvorstand Herzogsägmühle Wilfried Knorr) hat sich sehr rasch in eine neu gefasste Aufgabenverteilung hineingefunden.

Der Trägerverein, die Innere Mission München, hat in ihrer Mitgliederversammlung im Herbst vergangenen Jahres beschlossen, den Namen zu ändern; er heißt jetzt "Diakonie München und Oberbayern". Der bisherige Hauptname "Innere Mission" ist in die Unterzeile gewandert. Diese Veränderung ist mehr als nur Semantik; mit der zentralen Betonung der Diakonie als einander verbindende Dachmarke rücken die Geschäftsbereiche München und Herzogsägmühle näher zueinander hin.

Neben den Themen Personalentwicklung und -bindung sind die Ausgestaltung der Diakonischen Unternehmenskultur und Fragen der Nachhaltigkeit verbindende Elemente für die Geschäftsbereiche. Die für Herzogsägmühle in 2020 erstellte zweite Gemeinwohlbilanz, die Auskunft über das ethisch verantwortete Wirtschaften gibt, wird eine Art "Blaupause" für die erste angestrebte Bilanzierung der diakonia in München abgeben.

Ob der Vorstand sich auf vier Mitglieder erweitern soll, war Gegenstand weitreichender Strukturüberlegungen und Arbeiten zur Organisationsentwicklung. Diese Frage wird uns auch in 2021 weiter beschäftigen; die Komponenten der sozialpolitischen Vernetzung und der spitzenverbandlichen Vertretung der evangelischen Träger in München bekommt vermehrt Gewicht.

Berichtet wurde im Vorjahr zum bevorstehenden Nutzungsende des Schöneckerhauses als Pflegeeinrichtung (ab Ende 2023 für Pflege nicht mehr genehmigungsfähig); mit umfassender Beteiligung aller später Betroffenen wurde in Arbeitsgruppen das Konzept für die "Pflege der Zukunft" erarbeitet. Ein in Planung befindlicher Neubau unter der Regie der Tochterfirma der Inneren Mission München, der Hilfe im Alter gGmbH, ist inzwischen projektiert. Der Umfang des Vorhabens erfordert aber eine sehr sorgfältige und weitsichtige Überprüfung der wirtschaftlichen Konsequenzen; ohne die Einwerbung umfassender Fördermittel wird das Bauvorhaben nicht einfach zu realisieren sein.

Das Bauvorhaben der Gemeinschaftsküche konnte im Herbst 2020 gottlob abgeschlossen werden; das "Culinarium" bietet nun hervorragende Arbeitsbedingungen für die Küchenmitarbeitenden und damit auch eine sichere, zukunftsfeste Grundlage für eines der wesentlichen Merkmale von Lebensqualität: Gutes Essen.

Weitere Bauvorhaben sind planmäßig vorangeschritten: Sowohl der letzte Bauabschnitt von Haus Obland, dem Zentrum unserer Arbeit für suchtkranke Menschen, als auch der Neubau des Förderzentrums für 24 Menschen mit schwer-mehrfacher Behinderung an der Oblandstraße können im vor uns liegenden Jahr 2021 voraussichtlich fertig gestellt werden.

Der Dorfplatz in Herzogsägmühle erfuhr durch das Brotbackhaus, durch ein Wasserspiel und Sonnensegel zur Beschattung an heißen Tagen eine gute Aufwertung. Regelmäßg treffen sich nun Bürgerinnen und Bürger aus Herzogsägmühle am Backofen zur geselligen Runde; abends öffnet mehrmals in der Woche das "Stüberl" für eine Feierabend-Limo (die durchaus auch mal ein Bier sein kann…).

Nach dem Großbrand in der Licht- und Wachsmanufaktur konnte mit der Sanierung des Gebäudes begonnen werden. Perspektivisch wird die im angrenzenden Gebäude residierende Werkfeuerwehr eine neue Fahrzeughalle benötigen, so dass die Wachszieherei dann etwas mehr Platz bekommen kann.

Die Wohnungslosenhilfe konnte in Biessenhofen ein Wohnangebot in Betrieb nehmen – der erste Standort im Regierungsbezirk Schwaben. In der Inklusionsfirma i+s Pfaffenwinkel begann erfolgreich der Betrieb im Projekt MACHBAR, das als sogenannter "anderer Anbieter" das neue Bundesteilhabegesetz umsetzt.

Auch in der Kinderhilfe Oberland konnten weitere, neue Angebote in Betrieb genommen werden. Die Umstellung auf digitale Konferenzführung gelang erstaunlich reibungslos, die technische Nachrüstung aller Systeme wird aber auch im kommenden Jahr noch nicht abgeschlossen werden.

Trotz all dieser positiven Geschehnisse bleibt natürlich über dem abgelaufenen Jahr das große, unerwartete Minuszeichen der Pandemie. Während bis in den Herbst hinein das Geschehen in Herzogsägmühle außerordentlich ruhig blieb (trotzdem hatten wir mit allen Verordnungen und teilweise sehr kurzfristig erlassenen Verfügungen zu kämpfen), änderte sich das doch zum Spätherbst hin deutlich und viele Hilfeberechtigte und Mitarbeitende wurden positiv getestet. In einigen Fällen mussten wir auch mit sehr schweren Krankheitsverläufen zurecht kommen, in zwei Fällen überlebten die Erkrankten leider nicht.

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichtes ist noch überhaupt nicht absehbar, ob wir in 2021 halbwegs zu einer Normalität zurückkehren können. Dass unser individuelles Leben wie auch das Leben des Unternehmens in Unsicherheit zu bewältigen ist, wurde uns schmerzhaft neu vor Augen geführt. Es ist tröstlich zu erleben, dass insgesamt wir mit großer Hilfsbereitschaft, gegenseitiger Unterstützung und Solidarität die Belastungen der Pandemie zu bewältigen suchen.

Wilfried Knorr