Bereich Arbeit und Suchtspezifische Hilfen – Fallbeispiel

Schon als junger Mann hatte Herr W. seine liebe Not, den Versuchungen der kleinen chemischen Helfer und mehr noch dem entspannenden Charakter des Alkohols zu widerstehen. Gab er den Verlockungen nach, hatte er Erfolg, er war beliebt und seine Gesellschaft geschätzt, denn durch den Genuss des Alkohols fiel es ihm leicht, seinen Charme, seine Eloquenz und sein Wissen noch effektiver einzusetzen. Auch war er in der Arbeit erfolgreich, nebenher stellte er kleine Kunstwerke her, die auch gefragt waren. Es gab eine langjährige Partnerschaft, der Kontakt zu Eltern und Geschwistern war stabil. Ein Leben auf der Sonnenseite!! Was anfangs kaum auffiel, war, dass der Alkoholkonsum Normalität wurde, und das nicht nur abends oder bei Festen. Er gehörte bald zum Alltag, ohne ihn ging nichts mehr. Und bald darauf ging mit Alkohol auch nichts mehr.

Ob es einen konkreten Anlass gab, oder ob einfach nur Unachtsamkeit in die Alkoholkrankheit führte, lässt sich nicht mehr eruieren. War es eine Selbstüberforderung? Im Job mindestens 100 % zu geben und dann noch abends und am Wochenende kreativ sein müssen, das zehrt. Aber schließlich gab es ja Bestellungen für Kunstwerke, die originell und einmalig sein mussten, dazu noch handwerklich perfekt gearbeitet. Dann noch Partys, Freunde, was man so macht in jungen Jahren. Die Kerze brannte an beiden Enden, was aber bekanntlich nicht lange gut geht. Letztendlich ist der Grund für das Abrutschen zweitrangig, denn entscheidend ist ja nicht, wie oft man hinfällt, sondern dass man wieder aufsteht. Herrn W.s gute Integration in seine Familie war hierbei der vielleicht ausschlaggebende Faktor, denn insbesondere die Geschwister hielten den Kontakt auch dann noch, als seine Welt in Scherben brach. 

Der Weg zur Suchtberatung der Diakonie Herzogsägmühle fiel ihm schwer, aber die zahlreichen stationären Therapien brachten keinen dauerhaften Erfolg, immer wieder gab es massive Rückfälle. Erst die Kombination von stationärem Aufenthalt und ergänzender ambulanter Therapie führte zum Erfolg, so dass Herr W. aktuell stolz auf eine etwa fünfjährige Abstinenz zurückschauen kann. Einen wesentlichen Teil dieser Zeit haben wir ihn in unseren Tagesstrukturierenden Beschäftigungsangeboten begleiten dürfen. Dass Herr W. bei uns in seinem eigenen Tempo arbeiten konnte, dass es mal keinen äußeren Druck, keine Abgabetermine, gab, sondern dass sein eigenes Maß den Takt der Arbeit vorgab, war das heilsame Moment in der Arbeit. Nicht über die "innere Sperre" zu müssen, dafür aber im Kontakt mit anderen Menschen das machen zu können, was Körper und Seele in dem Moment zulassen, so beschreiben die dort tägigen Kolleginnen und Kollegen die Anforderung in der Abteilung. Für Herrn W. war das zur richtigen Zeit der richtige Ort. Gestärkt mit neuer Kraft und frischem Selbstvertrauen wagt er jetzt den ersten Schritt zurück in ein selbständiges Leben: im Jahr 2021 steht ein Umzug an, es geht nach Weilheim. Wir wünschen Herrn W., dass er sich dort rasch einlebt und seinen Weg konsequent weitergeht, ohne sich dabei wieder selber zu verlieren.